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Uralte mystische Rituale, die keine sind
Wenn man sich durch die Berge an Fachliteratur wälzt und als junger und recht unbedarfter Einsteiger nach einem Mittel der Wahl sucht, um Magie zu wirken (ich mag das Wort “zaubern” eigentlich nicht besonders, weil das für mich mehr kulinarisch ist als alles andere) stößt man auf verschiedene “Techniken”, die einem genau das ermöglichen sollen. Dabei wird von verschiedenen Autoren angepriesen welche besonders effektiv, welche besonders einsteigerfreundlich oder allgemeingültig sind.
Mit Abstand am häufigsten begegnet man etwas, was man ein “Ritual” nennt. Der in diesem Moment noch mit der Materie und mit der Wirkungsart unvertraute Magier nimmt diesen Begriff unvoreingenommen, aber leider auch oft undifferenziert wahr und jede Handlung die er ab der ersten Begegnung mit dieser Technik in einer Robe vor einem Altar oder mit dem Kelch, Stab und Dolch durchführt wird so betitelt. Nett, aber weitgehend leider unzutreffend.
Denn im eigentlichen gibt es zwei Hauptprobleme mit der inflationären Verwendung des Begriffes “Ritual” für all das was es da draußen gibt:
1) Ein Ritual wird durch zwei Faktoren definiert – das ist zum einen eine Wiederholung des selbigen, denn erst im Zuge dessen entfaltet es nach und nach seine Wirkung, immer stärker werdend. Je öfter man es durchführt, desto eher “geht es einem in Fleisch und Blut über”, sprich, desto weniger braucht man das Bewusste/Blockierte/Kopflastige um die tatsächliche Handlung durchzuführen, sprich Punkt 2 wird immer begünstigter. Und zum anderen ist ein Ritual eine symbolische Handlung.
2) Die Symbolkraft der im Ritual inne liegenden Handlung enthält, wenn man das so ausdrücken mag, einen Befehl, der am Zensor (das, was unser Bewusstsein vom Unbewussten trennt, wo die eigentliche “magische Energie” – sei sie jetzt Glaube, Wille oder Energie genannt – liegt) vorbei in die Tiefe des Selbst geschleust wird.
Das führt zu einigen unweigerlichen Schlüssen: Zum einen ist etwas, was man “nur ein Mal” oder “zum ersten Mal” durchführt ohne einen Wiederholungszyklus oder aber der Fähigkeit durch Retroaktivität, Imagination oder ähnlichem nur bedingt effektiv und solange es nicht wiederholt wird auch nicht zu den Ritualen zu zählen. Zum anderen ist eine in dem Ritual für die Handlung gewählte Symbolik, die nicht der eigenen Feder entstammt, sprich das Arbeiten nach Anleitung (wie pedantisch oder detailreich sie auch sein mag) immer weniger Effektiv als eine selbst konzipierte. Das heißt, die meisten Rituale, die aus dem Kontext der Kultur, der Bedürfnisse, der Geschichte und des Pantheons gerissen werden und stupide vor sich hin wiederholt werden, wären weit effektiver, wenn man sie auf sich maßgeschneidert, neu konzipiert und somit für sich verständlicher macht. Sicher gibt es Sprachformeln, die von der Phonetik beeindruckend sind und wenn man glaubt, daß Gottheiten die Originalsprache schätzen, wird es nicht verkehrt sein, sein Kemetisch oder Altgriechisch oder Alt-Isländisch oder Latein aufzumodeln, aber alles in allem ist das NAHE LIEGENDE der Baustein der Effizienz.
Magik ist eine extrem persönliche Angelegenheit, Wille und Glaube, Psyche, Sex und Weltanschauung sind nicht viel persönlicher als sie. Und so sollte man sie behandeln, meiner Meinung nach. Was natürlich NICHT bedeutet, daß man es bierernst mit Grabesstimmung und übertriebener Mystifikation oder Pedanterie und ohne Spaß und Humor tun sollte. Von den Leuten die das tun gibts auch so einige, und wenn ich mir dann überlege, daß sie die gleiche biedere und ernste Mimik im Bett oder bei einer spaßigen Debatte an den Tag legen wie wenn sie über irgend ein Buch erzählen, was sie jüngst zum Thema XY gelesen haben, muss ich unfreiwillig grinsen. Und ja, die sich selbst zu ernst nehmenden Herrschaften regen sich dann natürlich auf, weil sie denken ich würde ihnen nur Mist zutrauen und sie milde belächeln.
“Wenn Du etwas so ernst nimmst, daß Du damit keinen Spaß verstehst, machst Du es vermutlich ohnehin schon verkehrt.”
- Jan Fries
Es gibt wirklich viele Verfechter der sog. Ritualmagie, die sich mit primär dieser Art von Magie befassen – viele, die auch wirklich darauf schwören und alles andere als neumodischen Mist und hirngespinstige Theorien abtun. Aber genau das sind die Leute zu denen man vermeiden sollte zu gehören, weil der Forschergeist, die Selbstentwicklung über die Ego-Beweihräucherung hinaus und all die anderen positiven magischen Nebenwirkungen etwas sind, was man damit ausschlagen würde. Letzten Endes mag es sein, daß diese Herrschaften sich sonstwelche Quellen erarbeitet, sie studiert und nachgestaltet haben, kann auch sein, daß sie enorm viel Wissen um ihre Gebiete mit sich herumschleppen, aber in einem Punkt ähneln sie sich oft: Sie bleiben mit ihrer Entwicklung stehen und verbeißen sich in etwas, was eigentlich nur die Spitze des Eisbergs (oder der Mechanismen und Möglichkeiten) ist und nennen das dann Magie. Und das wird ihr nicht gerecht in meinen Augen. Keinesfalls. Ist natürlich Geschmackssache – aber empfehlen dabei stehnzubleiben kann ich keinem.
Vielleicht klingt dieser Beitrag so, als wollte ich mit dem Mythos des “mächtigen Ritualmagiers” aufräumen, mich über uraltes “Wissen” und überlieferte “Gesetzmäßigkeiten” lustig machen oder mit irgendwem abrechnen. Wenn das im Zuge dessen passiert, habe ich keine Einwände, da ich aber selbst dann und wann Rituale benutzt habe (sie aber mittlerweile zugunsten effektiverer und interessanterer Techniken völlig vernachlässige) ist das nicht die eigentliche Absicht gewesen. Viel mehr, daß man nicht jedem Anfänger eine magische Handlung die ritualisierbar ist als ein Ritual verkaufen sollte und da mal ein wenig Nomenklatur reinkommt, die dem ganzen eher entspricht.
Eine magische Technik unterscheidet vom (klassischen überlieferten) Ritual primär die Unabhängigkeit von Wiederholung, sowie die bessere Anpassung an den Ausführenden.
Ich hoffe meine Ausführungen waren anregend zu lesen.
Line of Sight
Was ist Magie?
Dies ist oft die erste Frage mit der sich ein magisch Tätiger oder Interessierter konfrontiert sieht und sie ist in aller Regel wegweisend für sein gesamtes künftiges Wirken. Wir trennen an dieser Stelle mal die Motivation (Selbstentwicklung, Zielerreichung, Glückssuche, Rache, Machtwünsche, Geldsorgen, Liebesprobleme, etc.) von der magischen Handlung und schauen uns zunächst aus Gründen der Abgrenzung an, was Magie ist und was nicht. Ein gern gewähltes Zitat zu diesem Thema steht in vielen Anleitungen ganz zu Anfang:
“Magie ist die Kunst und Wissenschaft, im Einklang mit dem Willen Veränderungen herbeizuführen.”
- Aleister Crowley
Diese Definition ist so allgemein wie zutreffend, letztlich könnte man sie auf alles beziehen und es zerreißen sich Experten und Klugscheißer rund um den Globus das Maul um den gegeben Interpretationsspielraum und die mögliche Bedeutung und Wichtigkeit dieser Aussage. Und dennoch wird sie gern verwendet um zumindest ein Grundgefühl zu vermitteln.
Ich persönlich habe auf dieses Zitat folgenden Blick (ich streite mich jetzt mal nicht um die Definitionen der Begriffe im Kontext, Wortklauberei wird einen den Sinn den ich dahinter sehe nicht hervorheben): Jemand der Kunst schafft, also ein Werk ist ein Künstler. Jemand der für andere reproduzierbar Wissen schafft, ist Wissenschaftler. Im Einklang mit dem Willen eine Veränderung herbeizuführen bedeutet für mich eine Absicht umzusetzen, die zu ihr führenden Umstände vorher zu schaffen und ein Ziel umzusetzen.
Die ersten beiden Punkte haben mit “tun”, also mit einer Handlung zu tun, das heißt jemand der Magie wirkt ist niemand der nur theoretische Gedankenspielereien und Schriftenssammlung veranstaltet – was in der (ich könnte Kotzen wenn ich den Begriff lese) “Esoszene” verbreiteter ist als alles andere. Es gibt eine schier unendliche Anzahl dieser Theoreten und Fachsimpler, die denken ihre Praxisübungen sind mit einem Ritual zu Vollmond erledigt und da hörts auch auf.
Doch wirkliches tun kann so viele Formen haben, daß es fast unmöglich ist es näher zu definieren – was hilft uns also weiter? Der zweite Teil. Der Wille. Und hier geraten wir an die nächste Definitionshürde, weil es kulturell verschiedenste Ansichten zu diesem Thema gibt – ist der Wille alles was übrig ist wenn Du das was er NICHT ist rausnimmst? Oder ist er der eine Fokus auf den Du Dich konzentrieren musst und mit dem Du Deine mentale Stärke kanalisierst? Was ist stark und was ist schwach? Ist es ein Kraftakt oder sollte es einfach aus seiner bloßen Existenz heraus repräsentativ genug sein? Zu diesem Punkt kommen wir später, denn hier scheiden sich die Geister (zB das klassisch hermetische “Geist über Materie” Denken der westlichen Hemisphäre vs. ganzheitliches und zwangfreies Konzept aus dem Osten) – für dieses Zitat fällt uns also auf: Es ist nur unter bestimmten Voraussetzungen gültig und so kommen wir auf das Verständnis der Magie im Kontext des Autors. (Das wird uns noch bei vielem auffallen, immer und immer wieder.)
Ich weiß nicht, ob ihr von AC schon mal was in den Fingern hattet, aber das was mir bisher untergekommen ist war zäh, pedantisch, ineffizient und im weitesten Sinne nur bedingt bereichernd für meine persönliche praktische Arbeit mit Magie. Zugegeben, Bardon und Levi toppen den locker was das angeht, aber dennoch ist was dabei für den modern denkenden Menschen rumkommen kann eher wenig in meinen Augen.
Den Fehler von einem auf alle Werke eines Autors zu schließen möchte ich einerseits zwar vermeiden, andererseits bin ich nicht gewillt ein Zitat ohne den Kontext des Autors und seines Umfeldes zu betrachten. Also komme ich zu dem Schluss, daß diese Definition mir nicht ausreicht, schon gar nicht zur Abgrenzung. Was aber kann ich daraus ziehen? Magie ist etwas was man tut. Es ist praktisches Handeln, welches Ergebnisse hervorruft, die in ihrem Ursprung eine Mischung aus Talent und Verstehen eines imaginären “großen Ganzen” haben.
Wenn wir jetzt auf die logische Schiene abstrahieren, haben wir das Prinzip der Kausalität – also Ursache und Wirkung. Die Magie selbst ist an der Stelle die Ursache, welche Form sie dabei hat ist dem Prinzip völlig egal, somit ist die Art der Magik absolut unerheblich, solange es sich um solche handelt. Damit wären wir wieder am Anfang und hätten die bisherige Definition:
“Jede Handlung, die einen bestimmtes Ergebnis hervorruft könnte man Magie nennen.”
Und in der Tat, wenn wir in die Geschichtsbücher schauen, in die Folklore und Märchen, den Volksmund und Aberglauben, zog sich genau diese Vorgehensweise durch alle Zeiten – egal ob so ausgesprochen worden oder nicht. Jedes mal, wenn keine Erklärung/Bezeichnung dafür existierte, die die Verständnislücke schloss, wurde geglaubt, es handelt sich um “Magie”. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem hier:
“Handlungen, die jenseits unseres Verständnisses etwas bewirken und für die keine andere Bezeichnung existiert, können magisch genannt werden.”
Aber spinnen wir das mal weiter: Wenn also Magie einfach ein Ersatz für eine fehlende Nomenklatur ist, dann könnte es einfach die Summe dessen sein, was man nicht erklären kann und was trotzdem für uns einen Zusammenhang gibt. Oder doch nur zu geben scheint? Und hier kommen wir an den äußerst interessanten Punkt wo der “Glaube” greift. Meiner bisherigen persönlichen Erfahrung nach ist das, was wir Glaube nennen auch nur eine von vielen Energieformen, die uns zur Verfügung steht. Sie ist in vielerlei Hinsicht vom Prinzip nicht weit von “Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg” oder “Glaube versetzt Berge” und ff. Und damit wären wir bei der nächsten Schärferstellung:
“Als magisch kann man jede Handlung bezeichnen, die sich im Einklang mit unserem Willen und Glauben auf unsere Welt auswirkt.”
Oder einfacher, banaler, allgemeiner und einen Schritt von der Magie weg: Wenn wir an das glauben was wir tun, können wir etwas ändern. Und damit wären wir bei der Kunst – denn ein Künstler, der an sein Werk nicht zu glauben bereit ist, wird ihm keinerlei Grandeur verleihen können und es wird an der Absicht vorbei zu ewiger Nutz- und Inspirationslosigkeit verdammt vor sich hin stauben.
Das heißt – jedes Mal wenn wir etwas tun, wovon wir glauben das es uns weiterhilft auch wenn wir nicht wissen, beweisen und benennen können warum (oder in ganz harten Fällen auch nur, daß) es uns voranbringt, wirken wir gewissermaßen Magie. Denn wir richten unseren Glauben auf ein Ergebnis aus und stützen damit das, was wir außerhalb der “Magie” dafür tun mit einer zusätzlichen Energiequelle die in uns liegt. Das viele denken “glauben” müsste reichen, erklärt an der Stelle eine Glaubensprojektion namens Beten. Oder um es mit einem meiner Lieblingswitze zu dem Thema zu formulieren:
Jahrelang jeden Abend betete Hans: “Bitte lieber Gott, gib mir eine Chance und lass mich im Lotto gewinnen..”
Eines Abends tönte eine Stimme aus dem Himmel: “Bitte lieber Hans, gib auch Du mir eine Chance und kauf Dir endlich mal ein Los!”
Das Problem mit der Beweisbarkeit, Wiederholbarkeit und Bedingungsunabhängigkeit wie wir es (unterschiedlich stark) in den Wissenschaften haben ist natürlich präsent, doch sollten wir einige Dinge nie vergessen, wenn wir damit konfrontiert sind: Erstens, das was wir nicht wissen und nicht wissen können wird immer mehr sein als das was wir zu wissen denken (“take for granted”). Zweitens, eigene Erfahrungen ob etwas funktioniert sind die einzige Referenz, Wiederholungen mit Ergebniswahrscheinlichkeiten und Veränderungen von Faktoren bei Experimente steigern unseren Gesamtüberblick. Und drittens, nichts was wir als real, gegeben, fest und sicher erachten ist es so sehr wie alle immer tun (man denke allein an die technischen, psychologischen, medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 150 Jahre, wer außer irgendwelchen als quirlig geltenden Visionären hätte das für möglich gehalten was wir heute haben?).
Das als kleine abgrenzende (oder eben auch nicht) Einleitung. Ich werde noch früh genug alternative Definitionen, schwammige Grenzen und Gegenthesen mit einwerfen, um aufzuzeigen, daß Definitionen einen gerade in der Magie nicht besonders weiterhelfen und warum diese Frage, die jedem Anfänger wichtig erscheint im Laufe der Zeit eigentlich total in den Hintergrund tritt.
Ich hoffe meine Ausführungen waren anregend zu lesen.
Line of Sight